Konkrete Kunst

Skulpturenpfad

Das Projekt „Skulpturenpfad Vaterstetten” startete 1997 mit der Aufstellung einer einzelnen Arbeit von Ingo Glass und ist mittlerweile - obwohl damals von manchem als Totgeburt bezeichnet - auf über 10 Skulpturen angewachsen. Von den einen geliebt, von anderen nicht verstanden, von den nächsten schlicht ignoriert, von wenigen sogar zerstört, ist der Skulpturenpfad damit ein fester Bestandteil des Ortsbildes von Vaterstetten geworden.

Zugleich ist er damit für die Bürger aber auch zu einem Bezugspunkt geworden, an dem jeder seinen Geschmack selbst definieren und auf diesem Weg schließlich langfristig eine eigene, persönliche kulturelle Identität entwickeln kann.

Dieses Projekt ist aber auch zu betrachten vor dem Hintergrund, daß die Zentralität, d.h. der Gegensatz von Stadt und Land sich immer weiter auflöst. Das Umland hat längst eine ganz eigenständige Dynamik entwickelt und sich von dem früher alles beherrschenden Kaskadenmodell gelöst. Zuziehende qualifizierte Bevölkerung und Unternehmen der High-Tech-Branche gehen nunmehr bereits direkt ins Umland, ohne den Umweg über die Kernstadt zu nehmen. Die Urbanität als Lebensform ist nicht mehr an die Stadt als besonderen Ereignisort gebunden. Eine Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit, von Arbeit und Freizeit, das distanzierte Verhältnis zum Nachbarn, Intellektualisierung und Spaßgesellschaft, all diese Elemente haben längst auch auf dem Land Einzug gehalten. Die Stadt verschwindet im Brei der Agglomeration. Die Urbanität ist sozusagen ubiquitär geworden ! Dieser gesellschaftliche Prozess, auch bezeichnet als Desurbanisierung bzw. als Counterurbanisierung besitzt jedoch auf kulturellem Gebiet noch erheblichen Nachholbedarf. Verfügt mittlerweile fast jede Münchner Vorortgemeinde über einen prächtigen Sportpark von fast olympischen Ausmaßen, über ein florierendes Gewerbegebiet, über einen blumenkübelgeschmückten Marktplatz und nicht zuletzt über einen mit Glas und Chrom auf postmodern getrimmten S-Bahnhof, so beschränkt sich das jeweilige kulturelle Angebot hingegen zumeist auf einige Rathauskonzerte bzw. gelegentliche Autorenlesungen in der Gemeindebücherei. Eindeutige Zeichen einer individuellen Identität des Ortes, die diesen von den Nachbargemeinden signifikant unterscheiden könnte, sind kaum zu finden.

 

Insofern findet dieser Versuch, in einer Münchner Vorortgemeinde durch eine umfangreiche und omnipräsente Großinstallation einen Diskurs innerhalb der Bevölkerung über Sinn und Wertigkeit von zeitgenössischer Kunst und damit letztendlich auch über die Rolle von Kultur in der Gesellschaft auszulösen, quasi immer noch in der künstlerischen Diaspora zwischen Metropole und Provinz statt.

 

Dem Prozeß der Entwicklung einer kulturellen Identität kommt nun aber gerade in der heutigen Zeit eine zumeist völlig unterschätzte, jedoch tatsächlich immer größere Bedeutung zu.

Fast sämtliche, derzeit die Welt bewegenden Probleme wie etwa die zunehmende Massenarbeitslosigkeit, die vielerorts aufflammenden inter- bzw. intranationalen Konflikte, die teilweise dramatischen Umweltveränderungen usw. sind nicht einfach von heute auf morgen entstanden, sondern haben tiefgründigere Ursachen, die insbesondere in den globalen kulturellen Entwicklungen der letzten Zeit zu suchen sind:

 

- Zum einen in der selbst für Experten nur schwer zu erklärenden und  gleichermaßen verwirrenden Simultaneität von einerseits struktureller Globalisierung und andererseits regionaler Fragmentisierung mit den daraus für den Einzelnen resultierenden Orientierungsproblemen.

Die Welt rückt im Großen näher zusammen, während sie sich im Kleinen immer stärker auseinanderdividiert.

Kosmopolitismus und Provinzgeist sind heute keine Gegensätze mehr, sie sind miteinander eng verbunden und verstärken sich sogar noch gegenseitig.

 

- Zum anderen in dem Wandel weg von der Arbeits- hin zur Tätigkeitsgesellschaft, einhergehend mit einer immer engeren Vernetzung von Alltag und Berufsleben. Die traditionelle Erwerbsarbeit spielt heute einfach eine andere Rolle als vor 30 Jahren.

 

- Desweiteren in dem Aufbrechen bisheriger Raum- und Zeitbegriffe, ausgelöst und gefördert durch die Entwicklung der neuen digitalen Medien. Es bahnt sich hier eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft an, diesmal mit den Wissenden und den Unwissenden als Protagonisten.

 

- Schließlich in der Krise des gesellschaftlichen Naturverständnisses, demzufolge die Umwelt zum bloßen, vom Menschen mühelos beherrsch- baren Objekt degradiert wird. Eine fatale Illusion, die von der Natur mit zunehmender Häufigkeit widerlegt wird.

 

- Sowie zuletzt auch in der Zunahme von Migrationsbewegungen mit der Konsequenz einer zwangsläufig zunehmenden Multikulturalisierung der einzelnen Gesellschaften.

Und gerade diese kulturellen Phänomene sind es, die man zunächst begreifen und sodann irgendwie in den Griff bekommen muß, will man sich endlich an eine effiziente und dauerhafte Bewältigung der globalen Problemfelder heranwagen.

 

Die derzeit noch allerorten als Allheilmittel gepriesenen, fast ausschließlich pragmatischen Maßnahmen wie „Sozialreformen”, „Umweltkonferenzen”, „Kriseninterventionskräfte”, „Beschäftigungsmodelle” usw. kosten zwar Unsummen an Geld, greifen aber bei weitem zu kurz und vermögen allenfalls kurzfristige Augenblickserfolge herbeizuführen.

 

Auf diese Weise wird lediglich an den Symptomen „herumgedoktert” und der Krankenstand nur weiter unnötig perpetuiert, anstatt endlich die eigentlichen Ursachen wirksam anzugreifen. 

 

Eine solche kulturelle „Wurzelbehandlung” mit dem Ziel eines grundlegenden Bewusstseinswandels erfordert jedoch von dem Einzelnen ein Mindestmaß an kulturellem Verständnis, an „cultural capital”. 

 

Ein solches läßt sich nun jedoch nicht einfach wie ein Medikament mit Sofortwirkung verordnen, sondern es kann vielmehr nur langfristig, auf dem Wege eines persistenten Sozialisationsprozesses bzw. einer intensiven Auseinander- setzung mit Kunst und Kultur entwickelt werden.

 

Und genau an dieser Stelle kommt nun die Gemeinde bzw. der Wohnort des Einzelnen ins Spiel:

Die Kultur einer Gesellschaft als das „Vermögen des Menschen, sich reflexiv der Welt gegenüber zu verhalten, sie damit zu erfahren, zu begreifen und auch zu verändern” wächst nicht auf abstrakte Weise in irgendwelchen staatlichen oder überregionalen Sphären und Institutionen heran, sondern entsteht ganz konkret ausschließlich auf der lokalen Ebene im Rahmen der Familie, der Freunde, der Schule, des Arbeitsplatzes, aber eben auch des Wohnumfeldes.

 

Nicht nur wie und  mit  wem wir leben, sondern gerade auch wo wir leben, hat damit prägenden Einfluss auf unsere persönliche Entwicklung.

 

Insofern ist es schon verwunderlich, mit welcher Sorgfalt und Emphase viele Menschen einerseits ihre Wohnungen und Eigenheime einrichten, ihre Gärten pflegen und ihre Kinder erziehen, andererseits jedoch für eine entsprechende Gestaltung des öffentlichen Raumes ihres Wohnortes keinerlei Interesse zeigen.

 

Und dies, obwohl gerade die Gemeinde als intermediäre Instanz den Bürgern umfangreiche Einfluss- und Mitsprachemöglichkeiten gewährt, die auf sämtlichen anderen politischen Ebenen in nicht einmal annäherndem Ausmaß zu finden sind.

Es stellt sich nun die Frage, welche Rolle denn dabei die Kunst spielen soll.

 

Der Begriff Kultur wird in der Soziologie mitunter auch verstanden als das „Vermögen zu ästhetischer Arbeit im Sinne der Verdichtung von Erfahrungen, Ideen und Reflexionen, der „Sublimation erlebter Realität zu authentischen Bildern”.

 

Eine solche ästhetische Arbeit leisten beide, der Produzent aber auch der Konsument von ästhetischen Produkten.

Der Kunst kommt nun bei dieser Betrachtungsweise gerade die Aufgabe eines Mediums zu, eines Ausdrucksmittels innerhalb dieses ästhetischen Prozesses.

 

Kunstwerke als zu Farbe und Form geronnene Gedanken, als visibel gemachte Emotionen, als Transponder für Systeme und Konzepte.

 

Gemacht von Menschen, gemacht für Menschen. Und zwar für alle, nicht nur für jene 2-3 % der Bevölkerung, die sich ernsthaft mit Kunst beschäftigen, sondern tatsächlich für jedermann.

 

Daraus aber nun abzuleiten, dass im Idealfall auch jedermann diese Kunst gefallen müsse, wäre jedoch töricht. Ist es doch keineswegs ihr Zweck, lediglich um Beifall zu heischen, vielmehr geht es darum, Reflexion bei den Rezipienten auszulösen, und zu erreichen, dass diese dabei ihr geistiges Potential einsetzen.

 

Denn einzig ein reflektierender Mensch ist auch tatsächlich in der Lage, sich und die Welt zunächst zu begreifen, um sie dann letztendlich auch verändern zu können.

 

Kunst muss deshalb einfach anregen, erregen und aufregen, das heisst Emotionen jedweder Art auslösen.

 

Insofern sind die vielgestaltigen, von absoluter Bewunderung bis hin zu totaler Ablehnung reichenden Reaktionen, die die stählernen Kunstwerke in Vaterstetten bislang auszulösen vermochten, auch in jeglicher Ausformung erwünscht.

 

Letztlich sind sogar die einzelnen bedauernswerten Zerstörungen auch nur sichtbare Zeichen einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kunst und als solche wohl zu erwarten gewesen.

Jede einzelne der Skulpturen regt zum Innehalten, zum Nachdenken an und verdient deshalb eine Bezeichnung, die bereits eine entsprechende Aufforderung in sich trägt: Denk-mal !

 

Die Arbeiten von Ingo Glass zeichnen sich dabei durch die erstaunliche Besonderheit aus, dass sie immer interessanter werden, sich dem Betrachter immer weiter öffnen, je länger man sich mit ihnen beschäftigt.

 

Erscheinen die Werke auf den ersten Blick noch als einfach und schnell zu durchschauen, so zeigt sich bald, dass gerade in dieser Simplizität die eigentliche Genialität verborgen ist.

 

Ein Wechsel der Betrachterperspektive oder die Veränderung des Lichteinfalles genügt oftmals schon, um ein weiteres jener vielen Geheimnisse zu decouvrieren, die der Künstler beim Entwurf der Skulpturen unter dem Deckmantel der Einfachheit und Essentialität verborgen hat.  

 

Im Gegensatz zu vielen anderen Stilrichtungen, die ihre Geheimnisse dem Betrachter gleich auf den ersten Blick offenbaren, sie sozusagen auf der Zunge tragen, wird die Rezeption dieser Kunstwerke niemals langweilig, sondern nimmt jedesmal aufs Neue eine fast meditative, metapysische Form an.

 

Gewiss macht einem diese Kunst den Zugang nicht gerade leicht, es erfordert schon ein bestimmtes Maß an Mühe und Aufmerksamkeit, will man die dahinter verborgene Welt für sich entdecken.

Hat man es dann jedoch einmal geschafft, in diese faszinierende Spiel aus Farben, Formen und Raum einzusteigen, dann hat man eben umso mehr Freude daran.

Insofern ist die quer durch Vaterstetten führende und von ihrer Konzeption weiträumig ihres Gleichen suchende Installation ein jedermann offenstehender Pfad des Innehaltens, der geistigen Sammlung, der Meditation sowie der Reflexion, und dies völlig unabhängig von der Bildung, dem Alter, der religiösen Orientierung oder der Herkunft des Einzelnen.

 

Er provoziert und fördert damit aktiv die Ausbildung von Phantasie, Sensitivität, Innovationskraft und Kreativität.

 

Ressourcen, deren Entwicklung in der heutigen Zeit oftmals zu Gunsten sturer, eindimensionaler Wissenspaukerei vernachlässigt wird, die aber in Zukunft bei der Bewältigung der gerade geschilderten globalen Herausforderungen von unschätzbarer Wichtigkeit sein werden.