Konkrete Kunst

Essay

von Alexander Rost

In Weiterführung der Theorien der Kubisten wie Cézanne, Picasso oder Bracque, die begonnen hatten, die Welt analytisch in geometrische Formen zu zerlegen, inspiriert durch die vom Gegenstand losgelöste Farbverwendung der Fauvisten um Matisse, begann sich in den 10er Jahren dieses Jahrhunderts die Idee von einer völlig gegenstandsfreien Gestaltungsweise zu entwickeln, die sich ausschließlich durch die Interaktion von Linie, Form und Farbe auf Fläche, Volumen und Raum definieren läßt. Im Unterschied zur abstrakten Kunst, die noch eine sekundäre Gegenständlichkeit, Anklänge, Spuren, Rückerinnerungen an Dingformen erlaubt, sollte hier eine neue Wirklichkeit jenseits der sichtbaren Natur geschaffen werden.

Die Realisierung dieser Idee hat sich natürlich nicht in einem plötzlichen Wechsel vollzogen, sondern sie war vielmehr das Produkt einer Evolution, zu der verschiedene Strömungen entscheidende Einflüsse beigetragen haben:

Beginnend mit dem Futurismus von Balla, Boccioni, Carrà oder Severini, durch den die Simultaneität verschiedener Momente in das Bild eingeführt wurde, dem Farbenspiel des Orphismus von Delaunay oder des Rayonismus von Larionov, sowie insbesondere dem stark ideologisch unterlegten Suprematismus (der wohl am entscheidendsten durch das „Schwarze Quadrat auf weissem Grund“ von Malewitsch symbolisiert wird), führte der Weg über dadaistische Einflüße von Arp, Richter oder Schwitters, über die holländische „De Stijl“-Bewegung mit Mondrians Neoplastizismus, den russischen Konstruktivismus von Tatlin, Lissitzky oder Rodtschenko schließlich an das „Bauhaus“ in Weimar (bzw. später in Dessau). Dort fand das entsprechende Gedankengut einerseits durch vielbeachtete Veröffentlichungen von Kandinsky, Mondrian, Moholy-Nagy usw., andererseits durch deren dortige Lehrtätigkeit (bzw. auch durch die von Albers, Itten, Klee usw.) weite Verbreitung.

Dabei war all diesen Strömungen gemeinsam, dass sie nicht - wie damals und auch heute häufig praktiziert - die Gegenwart durch die bildliche Darstellung der Negativseiten der herrschenden Lebensumstände zu kritisieren versuchten, sondern vielmehr durch die künstlerische Formulierung einer Utopie. Insbesondere Mondrian trat auf als Verfechter einer Idee vom Kunstwerk als modellhafter Vision eines künftigen Lebens in einer harmonischen Gesellschaft. In „universellen“ Bildern sollte dem täglichen Chaos ein Ordnungssystem entgegengestellt und zugleich eine internationale Weltsprache (sozusagen ein „Esperanto“ der Kunst) geschaffen werden, die allen Klassen und Völkern ohne bildungsmäßige Barriere zugänglich ist.

Im Jahre 1930 wurde von Theo van Doesburg, dem früheren Mitstreiter und späteren Antipoden Mondrians, erstmalig der Begriff „konkret“ durch sein Manifest „Grundlagen der konkreten Malerei“ in die Diskussion eingeführt:

„Auf der Suche nach der letzten Reinheit waren die Künstler gezwungen, die Naturformen, die die rein bildnerischen Elemente verdeckten, ganz auszuschalten und die „Naturformen“ durch „Kunstformen“ zu ersetzen. Konkrete Malerei also, keine abstrakte, weil nichts konkreter, nichts wirklicher ist, als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche. Es ist das „Konkretwerden“ des menschlichen Geistes.“

Damit löste er einen bis in die heutige Zeit ungelösten, kontroversen Theorienstreit über die korrekte Bezeichnung dieser Kunstrichtung aus. Einzig mit dem Begriff „Konkrete Kunst“ scheint es jedoch zu gelingen, die vielfältigen Variationen und Weiterentwicklungen, die die Idee von der bildlichen Umsetzung einer geistigen Welt mittels Interaktion von Form und Farbe gerade in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg erfahren hat, zu umfaßen.

Dementsprechend können einerseits die wichtigen amerikanischen Impulse wie das „Colour Field Painting“ von Newman, Still oder Motherwell, das „Hard Edge Painting“ von Kelly, Noland oder Held, die „Minimal Art“ von Le Witt, Flavin oder Judd, andererseits aber auch der „Spazialismus“ von Fontana, die „Serielle Kunst“ von Lohse oder Morellet sowie insbesondere die „Op(tical) Art“ Vasarelys in die Genese dieser Kunstrichtung miteinbezogen werden.

Bereits aus der bis an den Beginn dieses Jahrhunderts zurückreichenden, fast 90-jährigen Geschichte, während der es ihr stets gelang, sich gegen die häufigen Anfeindungen und heftigen Kritiken zu behaupten, wird erkennbar, dass sie offenbar tiefer als andere Stilrichtungen verwurzelt zu sein scheint. Durch ihre stringente Beschränkung auf wenige Gestaltungsmittel wird eine zeitlose Ästhetik vermittelt. Wie in allen Bereichen gestalterischer Tätigkeit ist es eben gerade diese essentielle Einfacheit der Struktur, aus der Werke von dauerhafter Wirkung einzig entstehen können, die nicht wie ein Adrenalinstoß kurzzeitig euphorisieren, sodann aber ebenso plötzlich wieder, ohne nachhaltigen Eindruck verblassen. Dass die Arbeiten trotz einer solchen gestalterischen Reduktion zumeist nichts an Aussagekraft verlieren, ist das eigentliche schöpferisch-geniale Attribut der Konkreten Kunst.

Gerade angesichts der tiefgreifenden Veränderungen der heutigen Gesellschaft erscheint sie aktueller denn je. In einer Zeit, in der sich der Mensch einer noch nie dagewesenen Flut an Informationen ausgesetzt sieht, die ihm eine Orientierung bei seiner Lebensführung immer schwerer macht, in der Moden sich in immer kürzeren Frequenzen ablösen, in der der Einzelne trotz bzw. gerade wegen seiner gewonnenen Mobilität immer weniger Bezugspunkte hat, wächst das Bedürfnis nach einer Ordnung, die das Chaos des Alltags zu beherrschen vermag, nach Ruhezonen, in die man sich zurückziehen kann, sowie nach Beständigkeit, die einem Halt vermittelt.

Genau diese Werte sind es, die von der Konkreten Kunst in eine Bildsprache umgesetzt werden.

Zumeist durch bloße Verteilung von Formen und Farben werden „innere“ Bilder geschaffen, die Balance, Rhythmus, Harmonie ausstrahlen und auf diese Weise der Kontemplation einen fast meditativen Charakter verleihen. Die Konkrete Kunst stellt sich damit als Kontrapunkt zu den expressiven und nervösen Werken vieler zeitgenössischer Stilrichtungen dar. Der Blick auf die Kunstgeschichte, die sich immer als Frühindikator für nahende gesellschaftliche Entwicklungen erwies, zeigt deutlich, dass auf Phasen von stilistischer „Überhitzung“ stets eine „abkühlende“ Rückkehr zu den einfachen und rationalen Formen der Klassik bzw. der Antike folgte.

Gewiß mögen - trotz der fast 90-jährigen Tradition - immer noch viele Rezipienten Verständ- nisprobleme mit einer völlig gegenstandsfreien Kunst haben und an konkreten Bildern wie an verschlossenen Türen vorbeihetzen, doch gerade hier sollte die Aufklärungsarbeit ansetzen, indem sie Schlüssel verteilt, für den Zugang zu dieser sichtbar gemachten geistigen Wirklichkeit.

 

Warum sollte für das Auge etwas anderes gelten als für das Ohr ?

 

Kandinsky zog bereits 1911 in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ die naheliegende Parallele zur Musik:

„In diesem Falle zieht man die reichste Lehre aus der Musik. Mit wenigen Ausnahmen und Ablenkungen ist die Musik schon einige Jahrhunderte die Kunst, die ihre Mittel nicht zum Darstellen der Erscheinungen der Natur brauchte, sondern als Ausdrucksmittel des seelischen Lebens des Künstlers und zum Schaffen eines eigenartigen Lebens der musikalischen Töne.“

Ein Maler zu Zeiten Vivaldis hätte bei dem Auftrag, die „Vier Jahreszeiten“ bildlich umzusetzen, wahrscheinlich vier verschiedene Gemälde geschaffen, in denen er mit Hilfe von schneebedeckten Feldern, dem Sturm trotzenden Bäumen, ausgedörrten Flußbetten, blühenden Wiesen, sprudelnden Quellen, gewitterdräuenden Wolken, laubbedeckten Wegen usw. die Natur bzw. deren sich verändernde Zustände mehr oder weniger originalgetreu wiedergegeben hätte. Vivaldi zog es jedoch sicher nicht einmal in Erwägung, bei seinem Werk eine entsprechende, d.h. statt optisch nun akkustische Reproduktion der Natur, mit Blätterrauschen, Vogelgezwitscher, Grillenzirpen, Windpfeifen usw. anzufertigen. Stattdessen entwarf er eine gegenüber der Natur autonome künstliche Klangwelt, der es dennoch auf perfekte Weise gelingt, dem Rezipienten die entsprechenden Gedanken und Emotionen eindrucksvoll zu vermitteln.

Warum also soll nun der bildenden Kunst verwehrt bleiben, was der Musik seit jeher wie selbstverständlich zugestanden wird: Nicht die mimetische Wirklichkeitsdarstellung als Inhalt, sondern die Schaffung einer harmonischen Klangwelt als unmittelbarster Ausdruck des menschlichen Geistes, indem Töne - gleich den Farben - nach bestimmten Gesetzen und Ordnungssystemen zueinander in Verbindung gebracht werden.

Das Auge des Betrachters muß jedoch zunächst entsprechend geschult werden, um die „Kompo- sitionen“ des bildenden Künstlers aus Form und Farbe als solche erkennen und schätzen zu können.

Erst dann erhält man Gelegenheit, eine Kunst zu erleben, die zwar meist länger braucht als andere Stilrichtungen, um unter die Haut zu gehen, die dabei jedoch umso tiefer eindringt und beim Betrachter entsprechend nachhaltige Sensationen auslöst.

Ein weiteres Argument für die Aktualität der Konkreten Kunst ist der fortschreitende Wandel der Kommunikationssysteme in der heutigen Gesellschaft. Hat sich um die letzte Jahrhundertwende durch den Durchbruch von Printmedien, Schallplatte und Film eine Veränderung von der Individual- zur Massenkommunikation vollzogen, so tritt nun auf dem Weg zu dieser Jahrhundertwende durch den Fortschritt der elektronischen Medien ein Wandel von der one-way-Kommunikation mit den festgelegten Rollen für Sender und Empfänger, hin zur Interaktivität statt, wobei durch die Simultaneität und Ubiquität des Informationsmaterials bisher gültige Bewußtseinsgrenzen von Realität, Raum und Zeit völlig aufgelöst werden.

Damit einher geht ein Tausch, bzw. eine Neudefinition der Rollen von Kommunikator und Rezipient.

In dieses System passt nun die Konkrete Kunst hinein, da es sich hierbei um „offene“ Kunst handelt, die den Betrachter in den Entstehungsprozess miteinbezieht.

Bereits 1947 schrieb Max Bill, der bedeutendste Protagonist der Schweizer Konkreten Kunst hierzu:

„konkrete kunst macht den abstrakten gedanken an sich mit rein künstlerischen mitteln sichtbar und schafft zu diesem zweck neue gegenstände. das ziel der konkreten kunst ist es, gegenstände für den geistigen gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der mensch sich gegenstände schafft für den materiellen gebrauch.“

Konkrete Werke stellen daher nur Zwischenstationen dar und sind keine erstarrten Endprodukte. Der Künstler setzt also mit seiner Arbeit einen Prozess in Gang, der mit der Herstellung des Bildes keineswegs beendet ist. Der Betrachter ist gleichsam Fortsetzer des Werks, indem er es in einer dialogischen Auseinandersetzung durch seine individuelle Wahrnehmung und Imaginationskraft für sich vollendet. Das Bild fordert damit als künstlerisches Angebot zur gedanklichen Interaktivität und zugleich zur Produktivität auf, die natürlich bei jedem Rezipienten unterschiedlich ausfallen wird. Anders als viele traditionelle Kunstrichtungen bisher, bei denen die Interpretation des Kunstwerks von diesem bereits „mitgeliefert“ wird, muss der Betrachter hier mehr investieren.

Je größer jedoch der entsprechende Input ist, desto höher wird auch der Output ausfallen, den man bei der Bildrezeption erfährt.

Der Umgang mit solchen „geistigen“ Kunstwerken passt auch zu dem fortschreitenden Wandel in der Arbeitswelt von körperlicher, hin zu geistiger Tätigkeit. Darüberhinaus wird moderne Technologie regelmäßig mit strengen geometrischen Formen assoziiert und auch entsprechend vermarktet, so dass die Konkrete Kunst sowohl den Fortschritt, als auch - wegen des geschichtlichen Hintergrundes - die Tradition in einem zu symbolisieren vermag.

Der Vorwurf, sie sei kühl und emotionslos, kommt zumeist von denjenigen, die nicht die Zeit und Mühe investiert haben, den Zugang zu ihr zu finden und folglich bereits von der Oberfläche abgestoßen werden.

Wie kaum einer anderen Stilrichtung gelingt es ihr, eine Synthese aus „ratio“ und „emotio“ zu erzeugen. Ersteres durch die Verwendung geometrischer Formenkonstrukte und dahinterstehender logischer Ordnungssysteme, letzteres durch das Zentralelement der Farben, deren tiefgreifende Wirkung auf den Mensch von Psychologie und Medizin immer stärker hervorgehoben wird.

Mit der in der vorliegenden Edition getroffenen Auswahl Konkreter Siebdruckarbeiten kann die ungeheure Komplexität bzw. die auf geheimnisvolle Weise in den Bann ziehende und deshalb nur schwer in Worte zu fassende Faszination der Konkreten Kunst zwar nur beispielhaft, jedoch - so hoffe ich - recht eindrucksvoll veranschaulicht und vermittelt werden.